Die soziale Besorgnis breitet sich in Frankreich aus. Laut dem neuesten Ipsos/BVA-Barometer für La Tribune Dimanche bleibt die Kaufkraft für 47 % der Bürger die Hauptsorge, dicht gefolgt von der Zukunft des Sozialsystems (39 %).
Obwohl die Umweltbesorgnis einen spektakulären Anstieg verzeichnet (+12 Punkte auf 32 %), kann sie eine immer präsentere wirtschaftliche und soziale Realität nicht verbergen: Frankreich steht vor einem kontinuierlichen Anstieg der Armut.
Eine Armut auf Höchststand
Die vom Institut national de la statistique et des études économiques (INSEE) veröffentlichten Daten haben dieses Unbehagen quantifiziert. Die Armutsquote in Frankreich hat ihren höchsten Stand seit 1996 erreicht. Insgesamt leben 9,8 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze, die auf 1 337 € monatlich festgelegt ist.
Obwohl das Institut einen leichten Einkommensanstieg bei den Ärmsten feststellt (+1,7 %), reicht dieser Anstieg nicht aus, um die Inflation der letzten Jahre und die allgemeine Schwächung des Arbeitsmarktes auszugleichen.
Das französische Umverteilungsmodell, das zwar eine dämpfende Rolle einnimmt, scheint an seine Grenzen zu stoßen und nährt eine Form von Stagnation, in der das wirtschaftliche Überleben den Vorrang vor dem sozialen Aufstieg hat.
Die Frage der Arbeitszeit
Im Zentrum dieses ins Stocken geratenen wirtschaftlichen Getriebes steht die Frage der Arbeitszeit. Eine Studie der europäischen Agentur Eurofound verdeutlicht den anhaltenden Abstand zwischen Frankreich und seinen Nachbarn.
Mit einer gesetzlichen Arbeitszeit von 35 Stunden unterscheidet sich Frankreich von der Mehrheit der europäischen Länder, die sich an einer 40-Stunden-Basis orientieren. Diese geringe Arbeitszeit führt zu einer geringeren Produktion, was zu einer kollektiven Verarmung beiträgt, die das gesamte Sozialmodell schwächt.
Ein Echo im politischen Feld
Diese Konvergenz wirtschaftlicher und sozialer Schwierigkeiten findet im politischen Feld ein Echo. Die jüngsten Meinungsumfragen zeigen eine Neugestaltung, bei der die Persönlichkeiten des Rassemblement National im Vorteil sind.
Marine Le Pen (34 %) und Jordan Bardella (33 %) führen die Liste der Persönlichkeiten an, deren eventuelle Wahl die meisten Franzosen zufriedenstellen würde.
Diese Vormachtstellung erklärt sich weniger durch eine massive Zustimmung zu ihrem Programm als durch einen allgemeinen Zweifel an den anderen politischen Kräften, die als unfähig erachtet werden, konkrete Antworten zu liefern. Frankreich scheint in eine turbulente Phase eingetreten zu sein, in der alle Indikatoren auf dieselbe Schlussfolgerung hindeuten: Das Land arbeitet nicht genug, um sein Modell zu finanzieren, und hat immer mehr Mühe, die Schwächsten zu schützen.
Eine kollektive Müdigkeit
Hinter den Zahlen ist eine kollektive Müdigkeit spürbar. Die einer Gesellschaft, die trotz hoher Abgaben und politischer Debatten, die an der Realität vorbeizugehen scheinen, die Armut zunehmen sieht.
Die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob Frankreich mehr arbeiten muss, sondern wie lange sein Wirtschafts- und Sozialmodell es noch verkraften kann, dies nicht zu tun.
Bernard BERTUCCO VAN DAMME