François de Canson: „Antisemitismus ist keine Meinung, er ist ein Gift“
Simone Veil sagte es: „Antisemitismus ist nie ein jüdisches Problem: Er ist ein nationales Problem“.

Es gibt Momente im Leben einer Gemeinde, in denen die Zeit stillzustehen scheint. Momente, in denen alltägliche Orte zu Orten des Gedenkens werden und in denen Worte dem gerecht werden müssen, was wir ehren. In diesem Geist stand die Ausstellung, die Simone Veil von der Stadt und dem Mémorial de la Shoah gewidmet wurde: „Simone Veil, un destin 1927 – 2017“.

Eine Ausstellung, die das Leben und das Engagement dieser symbolträchtigen politischen Persönlichkeit nachzeichnete. MORALISCHE GESTALT Wie François de Canson, der Bürgermeister, bei der Einweihung betonte: „La Londe-les-Maures begnügt sich nicht damit, eine Ausstellung zu beherbergen. Sie empfängt eine moralische Gestalt.
Ein Lebensweg von France. Ein Licht in einem Jahrhundert der Schatten. „Wir ehren Simone Veil.
„Wir müssen weitergeben“, sagte sie. Also geben wir weiter. Geben wir die Wahrheit, die Würde, den Anspruch weiter.
Geben wir sie ohne Zögern weiter, denn manche Leben verlangen nicht nach Lob, sondern nach Treue.
Simone Veil ist eine junge Méditerranéenne. Ein Kind des Südens. Eine Tochter aus Nice, geprägt von diesem einzigartigen Licht, das unser Meer umspült – diese Méditerranée, das Meer der Begegnungen und der Wunden, aber immer auch das Meer der Neuanfänge.
Dieses Meer, das Kulturen, Sprachen und Schicksale miteinander verbindet, prägte in ihr ein ausgeprägtes Gespür für die menschliche Zerbrechlichkeit und Brüderlichkeit. Vielleicht war es dieses Licht der Méditerranée, das sie mit sich bis in die Dunkelheit trug. Denn Auschwitz ist die absolute Nacht.
Die Verneinung der Menschlichkeit, die Zerstörung der Würde, die Erfahrung des Nichts“. Mitten in dieser Nacht bewahrte Simone Veil etwas Winziges in sich: einen dünnen Faden Licht. Ein so zerbrechliches Schimmern, das tausendmal hätte erlöschen können – und das sie dennoch am Leben erhielt.
Das ist die erste Lektion, die sie uns erteilt: Das Licht siegt nicht immer durch seine Kraft – es siegt durch seine Beharrlichkeit.

Simone Veil ist auch eine Überlebende, die sich nie damit abgefunden hat, dass die Barbarei das letzte Wort behält. Sie hätte sich in das Schweigen zurückziehen können. Sie wählte das Wort.
DIE WAHL DER GERECHTIGKEIT „Sie hätte sich vor der Welt schützen können. Sie entschied sich, sie zu verändern. Sie hätte dem Hass nachgeben können.
Sie entschied sich für die Gerechtigkeit. Ihre Resilienz war nicht bloß psychologischer Natur; sie war philosophisch. Sie entsprang jener alten Weisheit, die Rache von Verantwortung unterscheidet, Empörung von Zorn, Erinnerung von Groll.
Sie wusste, dass die Shoah kein Kapitel der Vergangenheit war, sondern ein spiritueller Bruch in der Geschichte der Menschheit. Eine Wunde, die nicht verheilt, aber die den Weg weisen kann – wie jene Narben, die zu Kraftlinien werden. Sie sagte später: „Es gibt Dinge, die man niemals akzeptieren, niemals rechtfertigen, niemals erklären darf“.
Dieser Satz est ein moralischer Kompass. Er verpflichtet uns. Er überdauert Generationen“, betonte François de Canson erneut.


Während France gerade des 80. Jahrestages der Shoah gedacht hat und Unterstellungen, Fälschungen sowie Geschichtsumschreibungen zurückkehren, muss man das wiederholen, was Simone Veil besser wusste als jeder andere. „Antisemitismus ist keine Meinung, es ist keine Debatte: Es ist ein Gift. Es ist das älteste Gift von Europe, der universelle Gradmesser für den moralischen Zusammenbruch von Gesellschaften.
Und dieses Gift, von dem wir glaubten, es sei verdünnt, lodert heute auf. Es lodert in den Schulen, wenn ein Kind wegen seines Vornamens beschimpft wird. Es lodert auf der Straße, unter dem Vorwand eines vom Hamas ausgelösten Konflikts.
Es lodert in den Gerüchten, den Verallgemeinerungen, dem fehlgeleiteten Zorn. Es lodert in den Manipulationen von Influencern, die ihre Unwissenheit zum Dogma erheben. Es lodert in jenen kleinen Feigheiten, in den täglichen Zugeständnissen, im bequemen Schweigen, die aneinandergereiht Katastrophen herbeiführen.
Es lodert in der politischen Vereinnahmung, in den unwürdigen Instrumentalisierungen, in jener aufrechterhaltenen Verwirrung, die den nationalen Zusammenhalt untergräbt“, schloss der Bürgermeister.
Fotos Alain BLANCHOT.